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DILMUN I

Der erste Großsegler

Ziel

Erstes großes Schilfboot zum Jubiläum der RA II Expedition von Thor Heyerdahl

Größe

Länge 14 m, Breite 4 m, Gewicht 8 t, Segelfläche ca. 20 m²

Material

Europäisches Schilfrohr

Segelfähigkeit

Nur Vorwindkurse

Einsatzgebiet

Ostsee mit Greifswalder Bodden

Zielsetzung

Nach der politischen Wende der Jahre 1989/1990 fiel der sogenannte Eiserne Vorhang – nicht nur für politische Gefangene im Ostblock, sondern auch für viele Freigeister. Zwei von ihnen waren Cornelia Lorenz und Dominique Görlitz, beide Studenten der Biologie und Sportwissenschaften. Sie lernten sich im Umfeld von Vorträgen kennen, die Dominique gemeinsam mit weiteren Sportstudenten seiner Seminargruppe hielt.

Noch im Jahr 1990 entstand die gemeinsame Idee, anlässlich des 20. Jahrestages der RA-II-Expedition von Thor Heyerdahl ein baugleiches Schilfboot zu errichten. Ziel war es, erste praktische Erfahrungen in der Besegelung von Schilfbooten zu sammeln und die theoretischen Annahmen Heyerdahls unter eigenen Bedingungen zu überprüfen.

Bereits während ihres Studiums hatten beide erkannt, dass die Besiedlung der Mittelmeerinseln lange vor den Hochkulturen der Sumerer und Ägypter begonnen haben musste. Daraus folgte zwangsläufig die Frage, ob steuerfähige Schilfsegler bereits deutlich früher existierten. Das Heyerdahl-Jubiläum bot eine einmalige Gelegenheit, Aufmerksamkeit, Unterstützung und Öffentlichkeit für ein solches Experiment zu gewinnen.

Ursprünglich war geplant, die DILMUN I auf dem Wangenheimer Stausee bei Gotha zu erproben. Kurz vor Beginn untersagte jedoch der Sporthistoriker Prof. Willy Schröder dieses Vorhaben. Gleichzeitig unterstützte er die beiden Studenten mit Rat und Tat und vermittelte sie an seine frühere Wirkungsstätte, die Universität Greifswald. Dort wurden sie an der Marineschule Greifswald offen empfangen – in unmittelbarer Nähe des damaligen Segelschulschiffes der DDR, der SS Wilhelm Pieck (heute SS Greif).

Die Expedition wurde erstmals vom ZDF mit der Redaktion „Drehscheibe“ aufwendig dokumentiert.

Der Bau

Mit Unterstützung des Leiters des Gothaer Kulturbundes erhielten Lorenz und Görlitz eine Sondergenehmigung zur Ernte des Schilfs aus dem Siebleber Teich. Gemeinsam mit Jenaer Studenten und ehemaligen Schulfreunden von Dominique wurden mehrere Hektar Schilfrohr geschnitten.

Das verwendete europäische Schilf gehört zu den Süßgräsern (Poaceae) und war im Altertum kein klassisches Material für den Bootsbau – im Gegensatz zu Papyrus oder Totora.  Dennoch entschieden sich die Studenten bewusst für dieses Material, um dessen Schwimmfähigkeit und Haltbarkeit experimentell zu testen.

Der Bau des Schilfbootes dauerte rund sieben Wochen. Der Bootskörper war etwa 14 m lang, vier Meter breit und etwa einen Meter dick. Anschließend wurde das Fahrzeug in Greifswald von den unerfahrenen Schiffsbauern weitere vier Wochen lang aufgetakelt. Anfang September 1990 erfolgte schließlich der Stapellauf. Nach Angaben der Greifswalder Hafenbehörde war die DILMUN I eines der letzten Schiffe, das noch unter der Flagge der DDR getauft wurde, da am 3. Oktober 1990 die staatliche Einheit Deutschlands vollzogen wurde.

Die Erste Seereise

Die geplante Route sollte von Greifswald aus gegen den Uhrzeigersinn einmal um die Insel Rügen führen. Doch bereits Anfang September setzten ungewöhnlich früh die ersten Herbststürme ein.

Am 13. September 1990 war es dennoch so weit: Zum ersten Mal wurden auf einem Binnenmeer die Segel gesetzt. Ohne praktische Segelerfahrung, jedoch mit theoretischem Wissen über Segelphysik und Hydrodynamik, nahm die DILMUN I Kurs auf das sogenannte „Gelbe Ufer“ in Richtung Rügen.

Anfangs herrschten günstige Wetterbedingungen, doch nach etwa zwei Stunden änderte sich die Situation schlagartig. Auf Höhe der Stralsunder Straße trafen Winde aus Westen und Nordosten aufeinander. Bei Windstärke 6 entstand eine ausgeprägte Kreuzsee, die den unerfahrenen Binnenschiffern aus Thüringen alles abverlangte.

Mit zunehmender Windstärke wurde das Boot immer luvgieriger und drehte sich schließlich quer zum Wind. Da am Heck keine Schwerter angebracht waren, bestand keine Möglichkeit mehr, den Schilfsegler auf einen Vorwindkurs zurückzuführen. Nach Rücksprache mit einem erfahrenen Greifswalder Skipper entschied man sich, das erste Großexperiment abzubrechen.

Nach rund zehn Wochen Bauzeit und lediglich fünf bis sechs Stunden unter Segel war der Traum von der Umrundung Rügens vorerst beendet.

Trotz des vorzeitigen Abbruchs brachte DILMUN I entscheidende Erkenntnisse. Das europäische Schilf erwies sich erneut als hochgradig schwimmfähig, und der in Gotha gefertigte Floßkörper zeigte sich selbst unter rauen Bedingungen als außerordentlich stabil. Auch eine Kreuzsee bei Windstärke 6 konnte dem Schilfboot strukturell nichts anhaben.

Eine Beobachtung sollte jedoch von besonderer Bedeutung werden: Die DILMUN I drehte sich nicht ausschließlich auf einen reinen Vorwindkurs, sondern gelangte zeitweise quer zum Wind. Dies deutete darauf hin, dass Schilfboote – unter bestimmten Bedingungen – möglicherweise Halbwindkurse erreichen können. Eine Annahme, die selbst Thor Heyerdahl stets bezweifelt hatte.

Zwar trieb auch die DILMUN I letztlich – ähnlich wie RA I und RA II – weitgehend steuerlos in Richtung der Ostküste Rügens. Doch dieses frühe Experiment lieferte erste Hinweise, dass dieses Verhalten unter kontrollierten Bedingungen technisch nutzbar sein könnte.

Diese Erkenntnis ließ Dominique Görlitz nicht mehr los.

Fazit des ersten Experiments

Konsequenzen und Ausblick

Als direkte Folge des DILMUN-I-Projektes reisten Cornelia Lorenz und Dominique Görlitz 1992 für elf Wochen nach Ägypten. Dort machten sie zwei deutsche Archäologen erstmals auf die prädynastische Negada-Kultur aufmerksam.

Auf Exkursionen ins Wadi Hammamat und durch intensive Recherchen zur Negada-Kultur in der Staatsbibliothek Leipzig stießen sie schließlich auf prähistorische Felsbilder von Schilfbooten. An Bug und Heck dieser Darstellungen entdeckte Görlitz einfache Striche, die er als primitive Kiel- bzw. Seitenschwerter interpretierte – ein Befund, der zuvor unbeachtet geblieben war.

Damit war die Idee für ein neues DILMUN-Boot geboren. Wieder sollte es nahe Gotha entstehen – doch dieses Mal sollten die neu identifizierten Strukturen systematisch getestet werden. Der Wangenheimer Stausee sollte nun endlich zum Experimentierfeld werden.

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zur DILMUN II