Die Tabak-Mumien
Kulturpflanzen, Alkaloide und transatlantische Fragen
Ein zentrales Forschungsfeld von Dominique Görlitz ist die Ausbreitungsgeschichte domestizierter Kulturpflanzen und ihre mögliche Rolle als Indikatoren für frühe interkontinentale Kontakte. Besonders im Fokus steht dabei der Tabak (Nicotiana tobacum) – eine Pflanze, deren Ursprungsgebiet eindeutig in der Neuen Welt liegt und die dennoch in altweltlichen Kontexten nachgewiesen wurde, lange bevor sie nach herkömmlicher Lehrmeinung hätte existieren dürfen.
Den Ausgangspunkt dieser Forschungen bilden die Arbeiten der bulgarischen Toxikologin Dr. Swetlana Balabanova, die in den 1990er Jahren in mehreren ägyptischen Mumien Alkaloide nachwies, die charakteristisch für Tabak sind – vor allem Nikotin. Diese Befunde wurden in kontrollierten Laboranalysen gewonnen und später unabhängig bestätigt. Dennoch stießen sie in der Ägyptologie auf massive Ablehnung, da sie nicht in das etablierte Bild einer strikt voneinander getrennten Alten und Neuen Welt passten.
Die zentrale Frage lautet seither nicht, ob diese Alkaloide vorhanden sind – sondern wie sie in das altägyptische Mumienmaterial gelangt sein könnten. Kontamination, moderne Verunreinigung oder lokale Ersatzpflanzen wurden als Erklärungen diskutiert, konnten jedoch viele Befunde nicht zufriedenstellend erklären. Damit rückte zwangsläufig die größere, bis heute ungelöste Problematik in den Fokus: Gab es bereits vor Kolumbus transatlantische Kontakte, die auch den Austausch von Kulturpflanzen einschlossen?
Vor diesem Hintergrund integrierte Görlitz die Tabakfrage in ein umfassenderes Forschungsprogramm zur Anthropochorie, also zur gezielten oder unbeabsichtigten Verbreitung von Pflanzen durch den Menschen. Die Tabak-Mumien stehen dabei nicht isoliert, sondern im Kontext weiterer amphiatlantisch verbreiteter Kulturpflanzen sowie experimenteller Drift- und Keimfähigkeitsstudien, mit denen alternative Ausbreitungsmechanismen überprüft wurden.
Kulturpflanzen, Seefahrt und auch Mumifikation gehören irgendwie zusammen. Mit Sicherheit haben sich viele Pflanzen mit ihren Samen und Früchten (Diasporen) Menschen unabhängig über die Erde ausgebreitet. Aber gerade die Schamanenpflanzen des Altiplanos – also Tabak und auch die Kokapflanze – konnten weder mit Vögeln noch Meeresdriften in die Hände der ägyptischen Mumienpräparatoren gekommen sein. Die Driftversuche auf allen ABORA-Schiffen (Bild in der Mitte ABORA III) belegen, dass Kulturpflanzen zu viele Resistenzen bei der Domestikation einbüßten, um diese gewaltigen Driftdistanzen keimfähig zu überstehen. Diese Bild zeigt den Schlepp von tausenden Samen und Früchten, die viele Jahre lang im IKP Gatersleben in Zusammenarbeit mit Dr. Andreas Börner auf ihre Salzwasserresistenz und Langzeitschwimmfähigkeit getestet wurden. Das Unterwasserbild wurde nach „nur“ 85 Tagen angefertigt. Fast alle Diasporen hatten bis dahin ihre Schwimmfähigkeit eingebüßt. Wie kamen die Mumienmacher an das Nikotin für die Konservierung von Ramses II?
Fazit und Ausblick
Die Funde von Nikotin und auch Cocain in ägyptischen Mumien stellen einen der provokantesten und zugleich am besten belegten Befunde in der Diskussion um präkolumbische Kontakte dar. Sie zwingen dazu, über rein theoretische Modelle hinauszugehen und biologische, archäologische und experimentelle Daten gemeinsam zu betrachten. Ob der Tabak über frühe Handelskontakte, kulturellen Austausch oder andere bislang unterschätzte Wege in die Alte Welt gelangte, bleibt Gegenstand laufender Forschung.
Fest steht: Die Tabak-Mumien sind kein Randphänomen, sondern ein Schlüsselthema für das Verständnis früher Globalisierungsprozesse. In Verbindung mit maritimen Experimenten wie den ABORA-Expeditionen, botanischen Driftstudien und neuen archäometrischen Analysen tragen sie dazu bei, das Bild der vorgeschichtlichen Welt neu und differenzierter zu zeichnen – jenseits einfacher Trennlinien zwischen „Alter“ und „Neuer“ Welt.
Die Tabakpflanze wurde schon vor Jahrtausenden in Südamerika domestiziert. Sie produziert Nikotin eigentlich nicht für uns Menschen, sondern für sich als „Schutzalkaloid“ gegen Insektenfraß. Moderne genetische Untersuchungen fanden heraus, dass diese Kulturpflanze aus zwei altamerikanischen Wildsippen im Altiplano gekreuzt wurde. Damit ist klar, dass es in Afrika, wo es zwar eine uralte Relikt-Tabakpflanze jedoch ohne Tabak gibt, keine weiteren heute ausgestorbenen Vorfahren gab, die in irgendeiner Form als „Nikotinspender“ gedient haben könnten!
Ein mächtiger König überdauerte die Äonen. Warum eigentlich haben die Ägypter ihre Könige so aufwendig mumifiziert? Warum beschafften sie wertvollste Ingredienzien aus sprichwörtlich allen verfügbaren Teilen der Welt?
Ganz einfach: Nach ihrem Ableben endete nicht ihre Aufgabe als „Schutzpatron“ für das ägyptische Volk. Jede Nacht musste die körperliche Seele des Pharaos in ihren intakten Körper zurückkehren können. Wenn nicht, war nicht nur seine Seele, sondern auch sein Volk in Gefahr und verloren! Das war der Grund, weshalb die alten Ägypter kein Geld und Mühe scheuten, die humanen Überreste ihrer Könige vor dem Verfall zu schützen.
Das Cover der Promotion von Dominique Görlitz (2012) (links). Sie handelt über die wenig beachtete Forschung zur transatlantischen Ausbreitungsgeschichte von alt- und neuweltlichen Kulturpflanzen. Die vier Kultursippen – Tabak, Koka von neuweltlicher Seite sowie der Flaschenkürbis und die Baumwolle von altweltlicher Seite – liefern eine besondere Evidenz für überseeische Kontakte vor Kolumbus.
Die Grafik rechts stellt eines der wichtigsten Ergebnisse der Dissertation vor: Es existieren auf Afrika und Madagaskar sehr wohl Vorfahren von Tabak und Koka. Diese sind jedoch Reliktendemiten hohen Alters, die vor mehr als 80 Mio. über Inselbrücken von Südamerika aus die Alte Welt erreichten (rote Linie). Diese frühen Vorfahren produzieren bis heute keinerlei Alkaloide wie Nikotin oder Cocain. Am Bespiel der beiden domestizierten Kulturtabak-Arten wissen wir heute, dass diese jeweils aus zwei altamerikanischen Wildarten aus Südamerika gezüchtet wurden. Dies kann nur bedeuten, dass die echten Tabakblattfunde in Ramses II (Lescot 1976) sowie die mehr als 3.000 Nikotinfunde von Balabanova (1992-1998) die Produkte eines heute vergessenen Fernhandels sind. Über die Routen und beteiligten Völker können wir nur spekulieren. Die Kanaren- und Kuba-Projekte liefern erstmalig wissenschaftliche Befunde, die die alten Theorien wie von Humboldt u.a. Gelehrten in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.
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