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ABORA I

Experimentelle Seefahrt am Beginn der
ABORA-Reihe

Ziel

Erste große Schilfbootexpedition entlang einer festen Reiseroute 1999

Größe

Länge 14 m, Breite 4 m, Gewicht 18 t, Segelfläche ca. 49 m²

Material

Chinaschilf

Segelfähigkeit

Mittlere Segelfähigkeit ca. 100° quer zum Wind

Reiseroute

von Sardinien bis Elba über ca. 600 km

Ziel & Fragestellung

Die Expedition ABORA I bildete den Ausgangspunkt der gesamten ABORA-Baureihe. Ziel war es, erstmals experimentell auf dem Mittelmeer zu überprüfen, ob prähistorische Kulturen mit mit Seitenschwertern ausgestatteten Schilfbooten zu gezielten Fernhandelsreisen in der Lage waren.

Im Zentrum stand die grundlegende Fragestellung, ob Schilfboote voll steuerbar und manövrierfähig sind, um außerhalb geschützter Küstengewässer zu navigieren.

Den Ausgangspunkt bildeten neue Felsbildbefunde aus Oberägypten (Negade-Kultur), auf denen Dominique Görlitz bereits 1992 Seitenschwerter an besegelten Schilfbooten entdeckte. Die Entdeckung wurde bereits zuvor in Vorexperimente an kleineren Schilfbooten (DILMUN II bis III) erfolgreich getestet.

Bau & Technik

ABORA I wurde als Schilfboot in traditioneller Bauweise errichtet. Der Bau orientierte sich an historischen und ethnologischen Vorbildern aus verschiedenen Kulturkreisen, insbesondere aus Regionen, in denen Schilfboote bis in jüngere Zeit genutzt wurden. Dazu zählen insbesondere die Schilfboote vom Titikakasee und auf Sardinien.

Der Bau erfolgte vollständig ohne moderne Materialien oder technische Hilfsmittel. Er wurde durch Schüler des Gymnasiums „Am Breiten Teich“ Borna sowie von Absolventen des ehemaligen Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Chemnitz von 1997 bis 1999 nahe Fertilia auf Sardinien realisiert. Verwendet wurden ausschließlich:

  • Chinaschilf (Miscanthus sinensis L.), Familie der Süßgräser (Poaceae)
  • einfache Holz- und Seilkonstruktionen
  • Seitenschwerter us wenig wertvollen Pappelhölzern
  • ein Segel, erstmals aus einem hochwertigen Hanfimitat bestand und eine Segelfläche von 56m² hatte
Der Bauprozess selbst war Teil des Experiments: Er sollte zeigen, ob mit prähistorisch verfügbaren Mitteln ein ausreichend funktionales Wasserfahrzeug hergestellt werden konnte. Die Absolventen und Gymnasiasten haben den 14 m langen, 4,5 m breiten und fast 2 m dicken Schilfrumpf in nur 19 Tagen unter der sengenden Sonne Sardiniens 1998 gebaut. Der Bau wurde durch den sardischen Yachtclubbesitzer Cesare Usai sowie den beiden deutschen Unternehmen Tourisardo Düsseldorf und der Volks- und Raiffeisenbank Borna e.G. gesponsert.

1999 wurde das Segelfloß in der nahen Stadt Alghero aufgetakelt und zu Wasser gelassen. Sowohl der Bau als auch die nachfolgende Expedition wurde von
Terra X/ZDF dokumentiert.

Route & Durchführung

Die Expedition startete in Alghero und sollte ursprünglich direkt über das westliche Mittelmeer in Richtung Atlantik (Kanaren) führen. Permanenter Geldmangel und rechtliche Einschränkungen durch die Hafenbehörde Alghero führten zu einem erheblichen Zeitverlust. Außerdem stellte sich beim Probesegeln heraus, dass die ABORA I im Gegensatz zur DILMUN III nicht sehr hoch am Wind segeln konnte. Mehr als Halbwindkurse waren mit ABORA I nicht möglich.

Aus diesem Grund entschied sich der Expeditionsleiter zu einer Änderung der Route. Anstatt direkt ins Westmittelmeer zu segeln, nahm man den Umweg in östlicher Richtung um Korsika herum, um im Notfall in Piombino (südliche Toskana) das erste Großexperiment (unterstützt von Touri Sardo) kontrolliert zu beenden.

Während der Fahrt wurden unter anderem folgende Aspekte getestet:

  • Auftrieb und Langzeitschwimmfähigkeit des Chinaschilfs
  • Steuerbarkeit mit vier Bug- und drei Heckschwertern
  • Belastbarkeit des Materials einschließlich der Aufbauten
  • Verhalten des Bootes bei längerem Wasserkontakt

Die Crew sammelte umfangreiche praktische Erfahrungen im Umgang mit dem Schilfboot.

Bedeutung & Ergebnisse

ABORA I konnte zeigen, dass:

  • ein vollständig aus Schilfrohr gebautes Boot seetüchtig ist
  • längere Fahrten auch bei wechselnden Wetterbedingungen möglich sind
  • der Mast im Gegensatz zu den DILMUN-Flößen zu weit auf der Mitte aufgestellt war, was zu einer zu starken Luvgierigkeit des Seglers führte

Dennoch lieferte ABORA I den experimentellen Beweis, dass frühe Kulturen über die technischen Voraussetzungen verfügten, um entlang einer vorgegebenen Route zu segeln und somit die Fähigkeit zu fernen Handelspartnern zu navigieren. Archäologisch wird diese Hypothese durch  Obsidianfunde von Monte Archi (Sardinien) über das Tyrrhennische Meer hinweg bis nach Mitteleuropa untermauert.

Einordnung innerhalb der ABORA-Reihe

ABORA I war kein Endpunkt, sondern der Beginn einer systematischen Forschungsreihe.
Die gewonnenen Erkenntnisse flossen direkt in die Konzeption der folgenden Expeditionen ein:

  • Verbesserungen in der Bauweise
  • präzisere Fragestellungen
  • Ausweitung auf konkrete historische Seerouten

Ohne ABORA I wären die späteren, deutlich ambitionierteren Unternehmungen ABORA II–IV nicht denkbar gewesen.

Bedeutung für Altertumswissenschaften

Die Expedition ABORA I stellt einen grundlegenden Beitrag zur Experimentellen Archäologie der Seefahrt dar. Erstmals wurde unter realen Bedingungen überprüft, ob ein prähistorisch rekonstruiertes Schilfboot mit Hilfe von Seitenschwertern nicht nur küstennah, sondern auch auf offenen Seewegen manövrierfähig ist.

ABORA I zeigte, dass frühe Bootskonstruktionen aus organischen Materialien über eine bislang unterschätzte strukturelle Stabilität verfügten. Damit wurde die verbreitete Annahme relativiert, wonach vorgeschichtliche Seefahrt auf kurze Distanzen und ruhige Gewässer beschränkt gewesen sei.

Die Expedition lieferte wichtige empirische Daten zur:

  • Seetüchtigkeit von Schilfbooten,
  • Wirksamkeit von Seitenschwertern,
  • und zur grundsätzlichen Kontrollierbarkeit solcher Fahrzeuge unter wechselnden Windbedingungen.

ABORA I begründete einen neuen methodischen Ansatz: Die Kombination archäologischer Felsbildforschung mit praktischer Hochseeerprobung erwies sich als geeignetes Instrument, um maritime Hypothesen der Altertumswissenschaften nicht nur theoretisch, sondern experimentell überprüfbar zu machen.

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zur ABORA II