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Die ABORA II
– die erste Hin- und Rückreise in der Neuzeit
Ziel
Erste Hin- und Rückexpedition mit einem Schiffsboot auf dem Mittelmeer 2002
Größe
Länge 12 m, Breite 4 m, Gewicht 12 t, Segelfläche ca. 56 m²
Material
Totoraschilf (Teichsimse)
Segelfähigkeit
Mittlere Segelfähigkeit ca. 75° am Wind
Reiseroute
von Alexandria über Beirut und Zypern zurück nach Alexandria ca. 2.150 km
Ziel & Fragestellung
Die Expedition ABORA II stellte den nächsten Schritt innerhalb der ABORA-Baureihe dar. Aufbauend auf den Erfahrungen von ABORA I war das Ziel, die konstruktiven Schwächen des ersten Schilfbootes gezielt zu korrigieren und die Segeleigenschaften deutlich zu verbessern.
Im Mittelpunkt stand nun nicht mehr die grundsätzliche Seetüchtigkeit, sondern die Frage, ob ein optimiertes Schilfboot:
- höher am Wind segeln
- den Lateraldruckpunkt gezielt verschieben
- und größere Seegebiete hin und wieder zurück überqueren kann.
ABORA II sollte damit erstmals zeigen, dass Schilfboote für Hin- und Rückreisen geeignet sind.
Bau & Technik
ABORA II wurde aus dem originalen Baumaterial „Teichsimse“ (Scirpus lacustris L.) gebaut, in Südamerika auch Totora genannt, jedoch mit entscheidenden konstruktiven Verbesserungen, die direkt aus den Erkenntnissen von ABORA I resultierten. Der Rumpf wurde erstmals von der Familie Limachi am Titikakasee in Bolivien gebaut. Sie hatten auch für Thor Heyerdahl die berühmten Schilfboote RA II & TIGIRS gefertigt.
Die wichtigste technische Neuerung bestand in:
- einer veränderten Mastposition, weiter nach vorne verlagert
- einer optimierten Anordnung der Seitenschwerter an Bug und Heck
- einer insgesamt schlankeren und hydrodynamisch günstigeren Rumpfform
Der Bau orientierte sich weiterhin an völkerkundlichen und archäologischen Vorbildern, insbesondere an Schilfboottraditionen aus:
- dem Titikakasee mit den bolivianischen Aymaraindianern (Familie Limachi)
- dem prähistorischen Niltal (Felsbildern der Negade-Kultur zw. 3.600 – 3.100 v. Chr.)
Route & Durchführung
Im Gegensatz zu ABORA I wurde bei ABORA II erstmals eine klar definierte maritime Route umgesetzt. Die Expedition zielte darauf ab, größere Distanzen gezielt und kontrolliert zurückzulegen. Die Seereise startete in Alexandria (Ägypten) mit Kurs in Richtung Libanon. Von Beirut setzte das Floß quer und gegen den Wind nach Larnaca auf Zypern über. Dieser Törn belegte, dass der Segler nicht nur quer, sondern auch gegen den Wind über größere Distanzen segeln konnte. Noch herausfordernder war der Rückweg von Limassol nach Alexandria. 16 Tage lang kreuzte die ABORA II gegen den aus der Ägäis aus NW wehenden Meltemi auf. In 65 Tagen legte die ABORA II insgesamt 2.100 km zurück, wobei sie die letzten 650 km permanent gegen den Wind aufkreuzte. Die eigentliche Segeldauer ohne Pausen war 31 Tage.
Während der Fahrt wurden insbesondere folgende Aspekte untersucht:
- verbesserte Höhe am Wind (bis 70° über Grund am wahren Wind)
- Kursstabilität über längere Strecken
- Verhalten des Bootes bei wechselnden Wind- und Seebedingungen
- Belastbarkeit des Materials über längere Zeiträume
ABORA II bestätigte, dass die vorgenommenen konstruktiven Änderungen zu einer deutlich verbesserten Segelleistung führten. Das Boot war nun in der Lage, Kurse gegen den Wind zu halten und auch bei anspruchsvolleren Bedingungen sicher zu manövrieren.
Einordnung innerhalb der ABORA-Reihe
ABORA II markiert den Übergang von der grundsätzlichen Machbarkeitsstudie (ABORA I) zur systematischen Erforschung prähistorischer Seefahrt.
Die Expedition lieferte:
- klare technische Optimierungen
- belastbare Vergleichsdaten zu ABORA I
- hohe Gegenwindsegelfähigkeit mit den Meeresströmungen
- gegen die Strömung wurden nur Kurse um 95-110° über Grund erreicht
Ohne die Erkenntnisse aus ABORA II wären die späteren Langstreckenunternehmungen von ABORA III und ABORA IV nicht möglich gewesen.
Erstmals in der Neuzeit absolvierte ein experimenteller Nachbau eines Schilfseglers eine Hin- und Rückreise. Diese Segelfähigkeit wurde von allen Experten in Frage gestellt, da Schilfboote als Flöße keinen Kiel besitzen. Der Einsatz von Seitenschwertern an Bug und Heck nach Steinzeitvorlage bestätigte, dass die Experimentelle Archäologie auf See nicht nur theoretische Annahmen überprüft, sondern konkrete technologische Entwicklungsprozesse sichtbar machen kann.
Die Expedition zeigte, dass bereits geringe konstruktive Veränderungen zu erheblichen Verbesserungen der Segeleigenschaften führten – ein entscheidender Hinweis darauf, dass auch prähistorische Seefahrer ihr maritimes Wissen über Generationen hinweg systematisch weiterentwickelt haben könnten.
ABORA II wurde damit zum technologischen Bindeglied zwischen den frühen Vorexperimenten und den späteren transozeanischen Unternehmungen der ABORA-Reihe.



















