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ABORA III
Erste Rücküberquerung des Nordatlantiks mit einem Schilfboot
Ziel
Erste Überquerung des Nordatlantiks mit einem Schilfboot 2007
Größe
Länge 12 m, Breite 4 m, Gewicht 12 t, Segelfläche ca. 56 m²
Material
Totoraschilf (Teichsimse)
Segelfähigkeit
Mittlere Segelfähigkeit ca. 82° am Wind
Reiseroute
von New York entlang des Golfstromes bis vor die Azoren ca. 4.400 km
Zielsetzung und wissenschaftliche Fragestellung
Mit der Expedition ABORA III sollte erstmals in der Neuzeit experimentell überprüft werden, ob ein vorzeitliches Seefahrzeug den Atlantik auf der deutlich anspruchsvolleren Nordroute entlang des Golfstromsystems von der Neuen in die Alte Welt überqueren konnte.
Während Thor Heyerdahl bereits Mitte des 20. Jahrhunderts nachgewiesen hatte, dass transatlantische Reisen mit den Passatwinden von Ost nach West technisch möglich sind, hielt er eine Rückreise über die raue Nordroute für grundsätzlich undurchführbar. Dieses Paradigma bildete den zentralen Ausgangspunkt der Zielsetzung von ABORA III.
Bereits die Expedition ABORA II (2002) hatte gezeigt, dass Hin- und Rückfahrten mit prähistorisch rekonstruierbaren Schilfbooten prinzipiell realisierbar sind. Mit ABORA III verlagerte sich der Fokus jedoch von der reinen Manövrierfähigkeit hin zur Tauglichkeit für langfristige Fernhandelsreisen unter den extremen Bedingungen des Nordatlantiks.
Ein wesentlicher Impuls ergab sich aus den Arbeiten von Dominique Görlitz im Rahmen seiner Promotion an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die von Dr. Swetlana Balabanova (1992–1997) nachgewiesenen altamerikanischen Phytoalkaloide – insbesondere Nikotin und Kokain – in ägyptischen Mumien werden bis heute mit dem Argument zurückgewiesen, prähistorische Seefahrzeuge seien zu primitiv gewesen, um den stürmischen Nordatlantik zu befahren und entsprechenden Fernhandel zu ermöglichen.
Darüber hinaus standen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt:
- Driftexperimente zur Langzeitschwimmfähigkeit von Kulturpflanzen und Früchten
- die Überprüfung, ob Samen und Früchte (u. a. Tabak, Baumwolle, Flaschenkürbis) den Atlantik ohne menschliches Zutun hätten überqueren können
Insbesondere das stark mäandrierende Golfstromsystem mit seinen großen, energiereichen Wasserwirbeln (engl. eddies) galt unter Seehistorikern für ein Schilfboot als unbefahrbar. ABORA III sollte diese Annahme erstmals empirisch überprüfen.
Bau und technische Konzeption
Der Bau von ABORA III erfolgte – wie bei den Vorgängerprojekt – am Titikakasee, erstmals unter der Leitung von Fermin Limachi. Im Mittelpunkt der Weiterentwicklung standen:
- eine erhöhte strukturelle Stabilität des Schilfrumpfes,
- eine optimierte, walzenförmige Rumpfarchitektur,
- sowie eine verbesserte Abstimmung von Mast, Segelfläche und Seitenschwertern zur Bewältigung von Gegenwindkursen.
Das Boot wurde erneut aus Totora-Schilf gefertigt (Schoenoplectus californicus ssp. totora), einer geographischen Unterart der europäischen Teichsimse. Diese Pflanze ist historisch nachweislich für den Bootsbau u. a. auf Sardinien, Korfu und in Marokko verwendet worden.
Route und Durchführung der Expedition
ABORA III war als echte Hochseeexpedition konzipiert. Die Route führte bewusst entlang des Golfstromsystems, um das verbreitete Dogma der Unüberquerbarkeit des Nordatlantiks für ein Schilfboot experimentell zu widerlegen.
Aufgrund logistischer Probleme (Zoll, Transport sowie ungünstiger Wetterbedingungen) konnte der Start erst verspätet am 11. Juli 2007 in Manhattan erfolgen. Trotz – oder gerade wegen – der hohen Risiken war die mediale Aufmerksamkeit enorm. Teile der deutschen Presse bezeichneten das Vorhaben polemisch als „Husarenritt“. Die Expedition wurde vom ZDF im Rahmen der Redaktion Terra X dokumentiert.
Die verspätete Abfahrt führte dazu, dass ABORA III in zunehmend ungünstige Wetterlagen geriet. Ungewöhnlich viele und teils schwere Stürme – insgesamt 13, darunter zwei mit Windstärke 10 – setzten dem durch den mangelhaften Transport von Bolivien nach New York bereits vorgeschädigten Schilfboot stark zu.
Rund 600 Seemeilen vor den Azoren musste die Expedition schließlich vorzeitig abgebrochen werden.
Innerhalb der ABORA-Projekte markiert ABORA III den entscheidenden Übergang von der mediterranen Küsten- und Inselnavigation (ABORA I & II) zur experimentellen Erschließung des offenen Nordatlantiks.
Erstmals verband ein ABORA-Projekt:
- eine ausgereifte Schiffskonstruktion
- umfangreiche nautische Erfahrung unter den extremen Bedingungen des Nordatlantiks
- und eine klar transdisziplinäre Fragestellung aus Archäologie, Botanik, Ozeanografie und Seefahrtgeschichte
ABORA III zeigte, dass die Experimentelle Archäologie auf See nicht nur Einzelhypothesen testet, sondern komplexe maritime Systeme rekonstruieren kann. Die Kombination aus Hochseeexperiment und Driftexperimenten lieferte neue Erkenntnisse zu vorgeschichtlichen Ausbreitungsmechanismen domestizierter Kulturpflanzen.
Die Ergebnisse schließen eine entscheidende Forschungslücke („missing link“) in der Diskussion um das Auftreten altamerikanischer Pflanzen im Mittelmeerraum. Dies betrifft nicht nur Tabak und Kokain, sondern auch weitere amerikanische Arten wie Ananas, Agave, Mais und Vanille.
Das Kanaren-Golfstromsystem erscheint damit nicht erst ab der Frühen Neuzeit, sondern schon eine in vorgeschichtlicher Zeit genutzte maritime Verkehrsachse gewesen zu sein. Dies könnte sowohl den transatlantischen Pflanzentransfer als auch kulturelle Parallelen auf beiden Seiten des Ozeans erklären.
















