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ABORA IV

Die Suche nach dem Eisen der Pharaonen

Ziel

Befahrung des Schwarzen- und des Mittelmeeres nach ägyptischen Überlieferungen

Größe

Länge 14 m, Breite 4 m, Gewicht 12 t, Segelfläche: ca. 62 m²

Material

Totoraschilf (Teichsimse)

Segelfähigkeit

Mittlere Segelfähigkeit ca. 75° am Wind

Reiseroute

von Varna durch das Schwarze Meer über Istanbul, Limnos, Santorin nach Kaş ca. 1.550 km

ABORA IV Trailer dt. (2020):

Ziel und wissenschaftliche Fragestellung

Die Expedition ABORA IV verstand sich als konsequente Fortsetzung des Cheops-Projektes (CP) von 2013. Im Rahmen dieses Projektes konnten archäometrische Befunde erbracht werden, die darauf hindeuten, dass bereits in der 4. Dynastie beim Bau der großen Pyramiden tatsächlich eiserne Werkzeuge zum Einsatz kamen.

Diese Annahme steht in auffälliger Übereinstimmung mit den Überlieferungen des griechischen Gelehrten Herodot (um 500 v. Chr.), der berichtete, dass für den Bau der Cheopspyramide Eisen verwendet worden sei. Herodot ging sogar noch weiter und schilderte, dass die alten Ägypter für edle Rohstoffe, die im Niltal nicht verfügbar waren, weitreichende Handelsfahrten bis in das östliche Schwarzmeergebiet unternahmen.

Gerade Eisen stellt in diesem Zusammenhang ein zentrales Problem dar: Eisenschlacken fehlen im archäologischen Befund des Alten Reiches nahezu vollständig. Dies spricht gegen eine lokale Verhüttung in Ägypten selbst. Gleichzeitig hält sich in der Ägyptologie hartnäckig das Paradigma, dass erst die Hethiter ab etwa 1.600 v. Chr. zur Eisenverhüttung fähig gewesen seien. Auf dieser Grundlage werden sowohl der Einsatz von Eisen beim Bau der Cheopspyramide als auch ausgedehnte ägyptische Fernhandelsreisen in den Schwarzmeerraum bis heute weitgehend abgelehnt.

Vor diesem Hintergrund verfolgte ABORA IV ein zentrales Ziel: experimentell zu überprüfen, ob ein Schilfboot altägyptischer Bauweise technisch und nautisch in der Lage gewesen wäre, eine derart schwierige Handelsroute vom Schwarzmeerraum über den Bosporus, das Marmarameer, den Hellespont und die Ägäis bis in den östlichen Mittelmeerraum zu bewältigen.

Der gewählte Seeweg zählt zu den komplexesten und anspruchsvollsten Handelsrouten im Mittelmeer und stellte damit einen idealen Prüfstein für die historische Plausibilität der von Herodot überlieferten Handelskontakte dar.

Bau und technische Konzeption

Ursprünglich war vorgesehen, ABORA IV in der russischen Hafenstadt Sotschi zu bauen. Aufgrund erheblicher zolltechnischer Probleme musste dieser Plan jedoch aufgegeben werden. Der Bauort wurde daraufhin an die bulgarische Schwarzmeerküste verlegt.

Nahe der Hafenstadt Varna fand Dominique Görlitz im Ort Beloslav die notwendige Unterstützung, um – erstmals seit ABORA I – den Rumpf wieder direkt am Startort zu fertigen. Bereits 2018 waren die Schilfrollen und Aufbauten am Titikakasee in Bolivien vorgefertigt worden. Der Export des Baumaterials wurde jedoch durch den bolivianischen Zoll massiv behindert: Das gesamte Bau- und Aufbautenholz wurde beschlagnahmt.

In der Folge mussten die benötigten Holzelemente unter hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand neu beschafft beziehungsweise nachgebaut werden. Diese unvorhergesehenen Schwierigkeiten führten zu einer rund zweimonatigen Verzögerung des Expeditionsstarts.

Der Rumpf von ABORA IV wurde erstmals wieder mit einer Länge von 14 Metern gebaut, um die Rumpfgeschwindigkeit zu erhöhen. Zudem wurden die beiden Korbhütten deutlich vergrößert, um sie unter realen Bedingungen auch für eine mögliche spätere Atlantikmission auf ihre Schlechtwettertauglichkeit zu testen.

Die Seereise

Aufgrund der erheblichen Verzögerungen konnten vor dem Start keine ausreichenden Testfahrten durchgeführt werden. Bereits auf der ersten Etappe stellte sich auf offener See heraus, dass der Mast – bedingt durch mehrere konstruktive Änderungen – zu weit mittschiffs positioniert war. Dies führte zu einer deutlich eingeschränkten Segelleistung: ABORA IV konnte nur Kurse von etwa 135° zum wahren Wind segeln.

Aus Sicherheitsgründen stimmte die Expedition zudem den türkischen Behörden zu, den Bosporus ausschließlich im Schlepp zu passieren.

Es folgte eine anspruchsvolle, windreiche Überfahrt durch die Inselwelt der Kykladen. Die Strecke von Limnos bis Santorin – fast 500 Kilometer – bewältigte ABORA IV in nur 3,5 Tagen.

Auf Santorin nahm der Expeditionsleiter eine Einladung des türkischen Kulturministeriums an, die ABORA IV erneut nach Norden und anschließend in südlicher Richtung zur lykischen Küste bei Kaş zu segeln. Dort war eine Dauerausstellung im nahegelegenen UNESCO-Weltkulturerbe Patara vorgesehen.

In Istanbul gewährten die Behörden der Crew vier Tage Liegezeit in einem Yachtclub, um notwendige Umbauten vorzunehmen. Der Mast wurde weiter nach vorn versetzt und die überdimensionierte Segelfläche verkleinert.

Der anschließende Neustart markierte einen Wendepunkt der Expedition. Nun hatte die Crew wieder vollen Zugriff auf die Bugschwerter, und ABORA IV konnte das Marmarameer, die Dardanellen und schließlich Çanakkale aus eigener Kraft erreichen. Von dort setzte das Schilfboot auf die Insel Limnos über – einen Ort von historischer Bedeutung für den Bronze- und Goldhandel der Antike.

Diese letzte Etappe erwies sich als besonders schwierig, da sowohl starke Winde als auch eine außergewöhnlich kräftige Strömung auf Halbwindkursen überwunden werden mussten. Nach aufwendigen Manövern erreichte ABORA IV schließlich am 16. September 2019 sicher die türkische Küste.

Archäologische Bedeutung

Die archäologische Bedeutung von ABORA IV ergibt sich aus den beiden zentralen Themen der Mission:

Zum einen lieferte die Expedition einen praktischen Machbarkeitsnachweis, dass die von Herodot beschriebenen Handelsrouten zwischen Ägypten, dem Schwarzmeerraum und dem östlichen Mittelmeer maritim realisierbar waren. Damit erhält die These, dass Eisen für die Pharaonenzeit nicht zwingend lokal verhüttet, sondern über weiträumige Handelsnetze beschafft worden sein könnte, eine neue empirische Grundlage.

Zum anderen berührte ABORA IV die Frage nach der Ausbreitung der Bronzetechnologie vom Balkanraum bis nach Mitteleuropa, insbesondere im Zusammenhang mit der Aunjetitzer Kultur im Erzgebirge. Die Expedition machte deutlich, dass maritime Verkehrswege eine bislang unterschätzte Rolle bei der frühen Verbreitung metallurgischen Wissens gespielt haben könnten.

ABORA IV verbindet damit erstmals die Suche nach dem Eisen der Pharaonen mit einer übergeordneten Betrachtung frühgeschichtlicher Rohstoff- und Technologietransfers im gesamten europäischen und vorderasiatischen Raum.

Dauerausstellung in Patara

Mit der Ankunft von ABORA IV an der lykischen Küste fand die Expedition einen nachhaltigen Abschluss. In Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden wurde das Schilfboot Teil einer Dauerausstellung im UNESCO-Weltkulturerbe Patara. Die Ausstellung dokumentiert nicht nur die Reise selbst, sondern stellt ABORA IV in einen größeren historischen Kontext früher maritimer Handels- und Kulturkontakte im östlichen Mittelmeerraum. Patara – einst einer der bedeutendsten Häfen Lykiens – bietet damit einen authentischen Ort, an dem experimentelle Archäologie, antike Seefahrtgeschichte und aktuelle Forschungsergebnisse dauerhaft einer internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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