zurück

DILMUN IV

Konstruktive Konsequenzen aus dem Nordatlantik

Ziel

Erprobung einer neuen unteren Schwerthalterung

Größe

Länge 6 m, Breite 2 m, Gewicht 1,5 t, Segelfläche ca. 20 m²

Material

Bolivianisches Totoraschilf

Segelfähigkeit

Hohe Kurse am Wind (ca. 70° am scheinbaren Wind)

Einsatzgebiet

Ostsee, Nordsee, Bodensee, Wangenheimer Stausee

Zielsetzung und Hintergrund

DILMUN IV entstand als direkte Konsequenz aus den Erfahrungen der Nordatlantikexpedition ABORA III. Während die Projekte von DILMUN I bis ABORA III die grundsätzliche Steuer- und Hochseetauglichkeit von Schilfbooten nachweisen konnten, offenbarte sich auf dem sturm- und wellenreichen Atlantik ein bislang unterschätztes technisches Problem: die Dauerstabilität der unteren Schwerthalterungen.

Bis dahin waren sämtliche unteren Schwerthalterungen mit Seilschlingen befestigt und technisch aufwendig mit Seilen trianguliert. Diese Lösung hatte sich auf Binnengewässern, Küstenrevieren und sogar über längere Hochseestrecken bewährt. Unter den extremen Bedingungen des Nordatlantiks lockerten sich diese Verbindungen jedoch regelmäßig – meist nach 200 bis 300 Seemeilen. Die Folge waren notwendige Reparaturen auf offener See.

Diese Instandsetzungen erwiesen sich als hochgefährlich: starker Seegang, das Rollen des Schiffes, Gischt und die exponierten Decksbalken machten jede Reparatur zu einem erheblichen Unfallrisiko. Die Erlebnisse auf ABORA III machten deutlich, dass für zukünftige Großexpeditionen eine grundlegend neue konstruktive Lösung erforderlich war.

Technische Innovation: Die hölzerne Schwerthalterung

Vor diesem Hintergrund setzten sich Dominique Görlitz und Peter Schmolke gemeinsam mit erfahrenen Handwerkern – darunter Peter Usbeck u.a. – zusammen, um eine alternative Konstruktion zu entwickeln. Görlitz hatte bereits länger die Idee einer hölzernen unteren Schwerthalterung, doch erst die Erfahrungen auf dem Nordatlantik machten den Handlungsbedarf zwingend.

Parallel dazu bestanden ab 2008/2009 konkrete Planungen für eine zeitnahe ABORA-IV-Fortsetzungsmission. Ermöglicht wurden diese Ambitionen auch durch den neuen Sponsor Fred Olsen (Oslo), der noch kurz vor dem Start von ABORA III eine größere Menge Gold in ABORA III investierte. Aus den daraus entstandenen Überschüssen beauftragte Görlitz bereits 2008 den Bootsbauer Fermin Limachi mit dem Bau eines neuen, 6 Meter langen und 2 Meter breiten Schilfbootes.

Das Boot wurde nach Deutschland exportiert und in den Holzbauwerken Gotha aufgetakelt – damit entstand ein weiteres Fahrzeug der DILMUN-Bauserie.

Die zentrale Innovation von DILMUN IV bestand in einer hölzernen unteren Schwerthalterung. Die Befestigung im Rumpf erfolgte über massive hölzerne Spieße, die zugleich die Funktion der oberen Decksbalken übernahmen. Ziel war es, die seilbasierte Technik durch eine form- und kraftschlüssige Konstruktion zu ersetzen.

Erprobung und Fahrversuche

Der Stapellauf von DILMUN IV erfolgte erneut am Wangenheimer Stausee bei Gotha. Bereits die ersten Segeltörns zeigten eine deutlich verbesserte Handhabbarkeit des Bootes. Insbesondere die neue Schwerthalterung erwies sich als stabil und wartungsarm.

Die eigentliche Jungfernfahrt fand im Rahmen der Warnemünder Woche 2009 statt. In Warnemünde erhielt das ABORA-Team von der Hanse Sail Gesellschaft umfassende Unterstützung und konnte vom Yachthafen Hohe Düne aus systematische Testfahrten durchführen.

Der Höhepunkt der Erprobung war das Einsegeln gegen den Wind durch die enge Hafeneinfahrt. Die Crew, die überwiegend aus erfahrenen Mitgliedern der ABORA-III-Expedition bestand, kreuzte innerhalb des Yachthafens bis direkt an die Anlegestelle. Dieser Törn gilt bis heute als einer der besten und aussagekräftigsten der gesamten Projektgeschichte.

Er bestätigte nicht nur die Funktionalität eines nach Negada-Felsbildern ausgestatteten Schilfseglers, sondern dokumentierte auch eindrucksvoll, welches nautische Erfahrungsniveau das Team um Dominique Görlitz in über 20 Jahren experimenteller Forschung erreicht hatte.

Fazit und Ausblick

Das Hauptziel von DILMUN IV konnte auf den zahlreichen Törns vollständig erreicht werden. Die aus einfachen Hölzern konstruierte untere Schwerthalterung funktionierte zuverlässig – auch unter anspruchsvollen Bedingungen. Mehr noch: Als der Rumpf ein Jahr später erneut auf der Ostsee und dem Bodensee eingesetzt wurde und bereits erste Alterungserscheinungen wie Aufweichung und Schrumpfung zeigte, hielt die neue Konstruktion den Belastungen weiterhin stand.

Diese Ergebnisse untermauerten die zentrale Erkenntnis, dass sich das neue System auch für zukünftige Großexpeditionen eignet. Der Schilfsegler wurde anschließen aufwendig restauriert und steht heute in der Zentralwerkstatt Pfännerhall in Braunsbedra im Mittelpunkt der ABORA Sonderausstellung „Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?“.

 

Blick in die Dauerausstellung des ABORA Science Centers in der Pfännerhall Braunsbedra. Die DILMUN IV  steht dort seit 2018 im Mittelpunkt einer interaktiven Wissensschau über alle großen ABORA-Expeditionen.

Die praktische Umsetzung auf ABORA IV verzögerte sich jedoch länger als geplant. Hauptursache war der durch das Cheops-Projekt ausgelöste sogenannte Cheops-Skandal, der Dominique Görlitz’ Reputation erheblich belastete. Erst nach aufwendigen Berufungsverfahren in Kairo, die ihn umfassend entlasteten, konnte der Blick wieder nach vorn gerichtet werden.

Mit der Unterstützung neuer Sponsoren war schließlich der Weg frei, die bei DILMUN IV entwickelten Innovationen in einer neuen ABORA-IV-Expedition umzusetzen.

$

zur DILMUN S