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DILMUN S
– ein Regelbruch mit großem Erfolg
Ziel
Erstellung eines Floßes mit hoher Langlebigkeit als Funktionsreplik
Größe
Länge 6 m, Breite 2 m, Gewicht 1,8 t, Segelfläche ca. 25 m²
Material
Moderne Materialien aus Holz, Styropor und Schilfmatten als Schwimmkörper
Segelfähigkeit
Gute Kurse am Wind (ca. 80°)
Einsatzgebiet
Ostsee, Mittelmeer, Geiseltalsee und Wangenheimer Stausee
Zielsetzung
Nach dem Erfolg von DILMUN IV und angesichts noch ausstehender Großsponsoren für eine zeitnahe Fortsetzung mit ABORA IV entschieden sich Dominique Görlitz und sein Co-Skipper Peter Schmolke zu einem innovativen Zwischenschritt: dem Bau eines Funktionsreplikats aus modernen Materialien, das alle wesentlichen Eigenschaften eines frühzeitlichen Schilfbootes nachbilden sollte.
Auslöser war nicht nur die technische Weiterentwicklung, sondern auch eine organisatorische Notwendigkeit. Die mediale Präsenz von DILMUN IV führte zu einem sprunghaften Anstieg der Vereinsmitglieder. Viele der neuen Mitglieder hofften auf eine spätere Teilnahme an Hochseeexpeditionen. Da echte Schilfboote aus Totora oder europäischem Schilf jedoch nur eine begrenzte Lebensdauer von etwa zwei bis drei Jahren besitzen, hätte man regelmäßig neue Trainingsboote bauen müssen – ein Aufwand, der weder finanziell noch personell dauerhaft zu leisten gewesen wäre.
Die Lösung bestand in einem mutigen Schritt: Ein dauerhaft nutzbares, robustes Trainings- und Experimentalboot, das archaische Segeleigenschaften mit moderner Haltbarkeit verbindet.
Konstruktion und Bau
Getreu dem Leitmotiv „Aus Altem entsteht mit genügend Motivation immer auch etwas Neues“ entwickelten Peter Schmolke, unterstützt von Dominique Görlitz und Thomas Lübker, über einen Zeitraum von fast zwei Jahren in den Holzbauwerken Gotha ein neuartiges Wasserfahrzeug.
Der Rumpf der DILMUN S besteht aus einem hölzernen Innenskelett, das vier GFK-Rohre als Wasserballast trägt (insgesamt ca. 800 Liter). Die Zwischenräume wurden in aufwendiger Handarbeit mit passgenau zugeschnittenen Styroporblöcken ausgefüllt. Auf dieser Basis formte das Team die typische Schilfboot-Architektur, die anschließend von zahlreichen Helfern mit Schilfrollen und Seilen umwickelt wurde.
Nach Abschluss der Arbeiten erfolgte das Auftakeln nach steinzeitlichen Vorbildern. Auch bei DILMUN S kam erneut die bei DILMUN IV entwickelte hölzerne untere Schwerthalterung zum Einsatz. Der Stapellauf fand am Wangenheimer Stausee bei Gotha statt.
Erprobung und Fahrversuche
Die ersten Erprobungen zeigten schnell, dass die DILMUN S ein außergewöhnlich gelungenes Experimentalfahrzeug darstellt. Der kiellose Floßkörper erwies sich zwar als etwas instabiler als ein echtes Schilfboot, doch das Eigengewicht von rund einer Tonne sowie der Wasserballast ermöglichten – mit entsprechender Erfahrung – eine sehr gute Kontrolle.
Der Styroporkörper erzeugt so viel Auftrieb, dass nur etwa 20 Zentimeter des Rumpfes eintauchen. Dadurch fehlt dem Boot ein ausgeprägter Lateralplan, was bedeutet, dass es nicht sehr hoch am Wind segelt. Die an Bug und Heck angebrachten Schwerter reichen nicht aus, um die Seitabdrift wie an einem echten Schilfboot zu kompensieren. In der Praxis erreicht DILMUN S daher meist etwa 90° über Grund.
Neue Segelkonzepte
Seit 2021 experimentiert das Team zusätzlich mit authentischen Dreieck-Quersegeln, wie sie aus Felsbildern in Oberägypten, Südspanien, auf Teneriffa und sogar in Kuba bekannt sind. Diese Takelung – ein früher Vorläufer des Lateinersegels – zeigte überraschend gute aerodynamische Eigenschaften.
Mit dieser Segelform erreicht DILMUN S rund 60° am scheinbaren Wind. Bei guter Trimmung sind somit auch Kurse unter 90° am wahren Wind möglich. Diese Ergebnisse liefern eine plausible Erklärung dafür, warum genau diese Segeltypen besonders häufig in der Felsbildkunst von Inselkulturen erscheinen: Sie erlauben eine deutlich bessere Navigation zwischen den Inselkanälen gegen den Wind.
Wende DILMUN S dt.:
Die ersten Tests mit dem eingefalteten Rahsegel wurden erstmals in Saßnitz 2021 durchgeführt. Sie führten zu erstaunlichen Beobachtungen, die uns motivierten ein neues und größeres Dreieck-Quersegel anzufertigen. Ein der wichtigsten neuen Erfahrungen war, dass die Handhabung aufgrund der fehlenden beiden Großschoten (wie beim Rahsegel) viel einfacher ist. Im Grunde genommen braucht es hier nur eine Person, die die Brassen bedient, und eine weitere für das untere einzelne Großschot. Damit konnten wir ähnlich elegant segeln, wie das die prädynastischen Feldbilder aus dem Wadi Khor-Es-Salam vor mehr als 5.000 Jahren zeigen. Es fiel mir schon sehr früh auf, dass die Personen an Bord der Dreieck-Quersegler sehr locker und ungezwungen dargestellten wurden (Bild b). Die Felsbilder offenbaren auch, dass nur wenige Personen zur Steuerung der Segelflöße notwendig waren.
Fazit und Ausblicke
Der Bau der DILMUN S erwies sich als voller Erfolg. Die Intentionen der Konstrukteure konnten vollständig umgesetzt werden. Inzwischen haben Dutzende Vereinsmitglieder das Segeln mit einem vorzeitlichen Schilfboot erlernt. Die dauerhafte Verfügbarkeit dieses Unikats machte es erstmals möglich, auch komplexere Manöver wie Aufschießer, Ankermanöver und präzises Abreffen unter Segeln zu trainieren.
Diese Fähigkeiten erwiesen sich als entscheidend für spätere Expeditionen, insbesondere für ABORA IV, deren Crew aufgrund organisatorischer Verzögerungen nur begrenzte Trainingszeit hatte. Ohne die intensiven Übungen mit der DILMUN S – unter anderem auf dem Geiseltalsee – hätte sich der Start der ABORA-IV-Expedition um weitere ein bis zwei Wochen verzögert.
Trotz ihrer inzwischen über zwölfjährigen Einsatzzeit befindet sich die DILMUN S noch immer in sehr gutem Zustand. Sie bleibt damit ein zentrales Trainings- und Forschungsinstrument des ABORA-Teams – und wird voraussichtlich auch in den kommenden Jahren noch vielfach zum Einsatz kommen.























