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Einbaum-Experimente –

Zwischen DILMUN III und ABORA I

Ziel

Erfahrungen mit besegelten Einbäumen

Größe

Länge 6 m, Breite 0,5 m, Gewicht 150 kg, Segelfläche ca. 4 m²

Material

Europäische Pappel und Fichte

Segelfähigkeit

Kurse bis halb am Wind (90°)

Einsatzgebiet

Wangenheimer Stausee, Ostsee am Greifswalder Bodden und Flüsse

Norbi Einbaumsegeln 1996 dt.:

Einbaum- und Pirogenexperimente 

Nach DILMUN III und dem Ausscheiden von Dominique Görlitz aus der Friedrich-Schiller-Universität Jena wurden die experimentellen Forschungen nicht beendet, sondern in neuer Form fortgesetzt. Mit der Neuanstellung als Lehrer in Chemnitz verlagerte sich der Schwerpunkt der praktischen Experimente in den schulischen Bereich.

Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums Chemnitz entstanden zwischen 1995 und 1996 im damaligen Schulbiologiezentrum Chemnitz (heute Botanischer Garten Chemnitz) zwei große Einbäume. Ziel war es, neben dem Schilfboot einen zweiten archetypischen Schiffstyp experimentell zu untersuchen: den Einbaum, der weltweit zu den ältesten Wasserfahrzeugen der Menschheit zählt.

Bau und Weiterentwicklung

Der größere der beiden Einbäume wurde 1996 durch das Aufsetzen von Planken zu einem erweiterten Einbaum (Piroge) umgebaut. Damit konnten erstmals konstruktive Übergangsformen zwischen einfachem Einbaum und komplexeren Bootstypen praktisch erprobt werden.

Beide Wasserfahrzeuge wurden:

  • mit einfachen Schilfsegeln ausgestattet,
  • durch Doppelausleger stabilisiert,
  • und zusätzlich mit einfachen Seitenschwertern versehen.

Wie bereits bei den DILMUN-Projekten stand auch hier die Frage im Mittelpunkt, welchen Einfluss Kiel- bzw. Seitenschwerter auf die Gegenwind- und Halbwindfähigkeit früher Wasserfahrzeuge haben könnten.

Erprobung auf Binnengewässern und der Ostsee

Für die Seetests erhielten Görlitz und seine Schüler – wie schon zuvor – Quartier an einer befreundeten Marineschule an der Ostsee. Dort wurden sowohl der einfache Einbaum als auch die Piroge systematisch erprobt.

Auf Flüssen und Binnenseen erwiesen sich beide Fahrzeuge als ausgesprochen fahrtauglich. Die Doppelausleger fungierten dabei als wirksamer „Kielersatz“ und ermöglichten auch ohne Seitenschwerter Kurse bis halb am scheinbaren Wind.

Jahre später wurde die Piroge zusätzlich mit dem Segel der DILMUN I ausgestattet. Auf einem großen Stausee in Thüringen konnten mit Hilfe von Seitenschwertern erstmals stabile Halbwindkurse über Grund erreicht werden.

Grenzen der Seetüchtigkeit

Die Ergebnisse auf der Ostsee fielen differenzierter aus. Als relativ kleines Binnenmeer besitzt die Ostsee eine geringe Wellenlänge, was frühe, offene Wasserfahrzeuge besonders stark beansprucht.

  • Bereits ab Windstärke 3–4 erwies sich der einfache Einbaum als nicht mehr seetüchtig. Die Crews kenterten regelmäßig.
  • Die Piroge mit aufgesetzter Planke zeigte zwar eine deutlich höhere Stabilität, doch auch hier schlugen ab Windstärke 5–6 die kurzen, steilen Wellen binnen kurzer Zeit über die Reling.
  • Auf größeren Gewässern mit längeren Wellenabständen wäre die Piroge vermutlich seetüchtiger geblieben, doch unter Ostseebedingungen war der offene Rumpf ab Windstärke 4 nicht mehr sicher einsetzbar.

Erkenntnisse und Bedeutung

Diese Experimente machten deutlich, dass die Seetüchtigkeit vorgeschichtlicher Wasserfahrzeuge stets kontextabhängig betrachtet werden muss. Bootstyp, Revier, Wetter und Nutzungsszenario sind untrennbar miteinander verbunden. Diese Einsicht wurde zu einer Schlüsselerfahrung für alle späteren ABORA-Missionen.

Zugleich erlaubten die Vergleiche zwischen Floß, Einbaum und Piroge ein tieferes Verständnis der wichtigsten Prototypen früher Seefahrt. Während das Floß und der Einbaum als Sinnbilder der ältesten Wasserfahrten gelten, zeigt der ethnologische Vergleich, dass Einbäume und Pirogen – teils sogar mit Seitenschwertern – bis heute weltweit im Einsatz sind.

Die praktischen Vor- und Nachteile dieser Schiffstypen verschafften Görlitz einen erheblichen Erfahrungsschatz, um vorgeschichtliche Wanderungs- und Seerouten realistischer einschätzen zu können.

Pädagogische und wissenschaftliche Ausblicke

Parallel zu den praktischen Experimenten nahmen Görlitz’ Schülerinnen und Schüler regelmäßig an den Wettbewerben „Jugend forscht“ teil. Dabei wurden mehrfach Landes- und Bundespreise erzielt – auch im Zusammenhang mit den späteren ABORA-I- und ABORA-II-Expeditionen.

Nach Abschluss der Referendarzeit wurden Dominique Görlitz und Cornelia Lorenz in den Raum Leipzig versetzt. Am Gymnasium „Am Breiten Teich“ konnte Görlitz bereits 1996 eine neue Schülerarbeitsgemeinschaft aufbauen. Gemeinsam mit ehemaligen Chemnitzer Gymnasiasten und neuen Schülern aus Borna begann nur ein Jahr später der Bau von ABORA I.

Mit Unterstützung der Eltern, regionaler Unternehmen und der Schulleitung wurde 1997 nahe Pegau bei Borna in Kooperation mit einem Landwirtschaftsbetrieb rund 18 Tonnen Chinaschilf geerntet, getrocknet und zu großen Schilfrollen gebündelt.

Der Übergang vom Schülerprojekt zur nächsten Großexpedition war damit vollzogen. Ein entscheidender Impuls kam erneut von Thor Heyerdahl, der das Projekt aus der Ferne unterstützte – sowie durch das erste Angebot von TERRA X / ZDF, die kommende Expedition filmisch zu begleiten.

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zur DILMUN IV