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Frühkartografie

Rätsel alter Weltbilder

Die Geschichte der europäischen Kartographie beginnt nach gängiger Lehrmeinung erst mit den großen Entdeckungsfahrten der Frühen Neuzeit. Doch mehrere Kartenwerke des frühen 16. Jahrhunderts stellen dieses Narrativ infrage. Sie zeigen eine Welt, deren geografische Genauigkeit eigentlich erst Jahrhunderte später erreicht worden sein dürfte.

Besonders vier Werke gelten bis heute als Rätsel der Kartographie:

  • die Waldseemüller-Karte von 1507, die erstmals den amerikanischen Doppelkontinent und den Pazifik darstellt,
  • die Piri-Reis-Karte von 1513, die Küsten der Antarktis ohne die Drake-Straße zeigt,
  • die Finaeus-Karte von 1531, welche die Antarktis nahezu vollständig abbildet,
  • sowie der Gothaer Marmorglobus von 1533 mit einer erstaunlich korrekten Darstellung Südamerikas und der Nordostausrichtung des Amazonas.

Diese Karten wirken in ihrer Präzision überraschend modern. Küstenverläufe sind in weiten Teilen korrekt wiedergegeben, lange bevor europäische Seefahrer diese Regionen systematisch erkundet hatten. Besonders irritierend ist, dass spätere Karten diese Genauigkeit zunächst nicht verbesserten. Teilweise vergingen bis zu 250 Jahre, ehe vergleichbare Darstellungen erneut erreicht wurden. Dies wirft eine bis heute unbeantwortete Frage auf: Beruhten diese frühen Karten auf älteren, möglicherweise antiken oder sogar prähistorischen Quellen?

Die Waldseemüller-Karte von 1507 zeigt erstmals den amerikanischen Doppelkontinenten (links).

Die Finaeus-Karte (1531) zeigt erstmals eine vollständige und vor allem realistische Antarktis (links).

Der Marmorglobus von Gotha (1533) zeigt die exakten Umrisse der Antarktis und S-Amerikas (links).

Die Perí-Reis-Karte von 1513 zeigt erstmals die Antarktis und ein Literaturverzeichnis mit Bezug auf antike Karten (rechts im Hochformat).

Neue Wege der Analyse – Digitale Rekonstruktion und Vergleich

Einen zentralen Beitrag zur Erforschung dieser Fragen lieferte die Wiederentdeckung einer bislang wenig beachteten Karte in der Nikolai-Sammlung des frühen 16. Jahrhunderts in der Landesbibliothek Stuttgart. Die in Form von Globensegmenten erhaltene Karte wurde von einem interdisziplinären Forschungsteam um Dominique Görlitz photogrammetrisch erfasst, digital zusammengesetzt, virtuell zu einem Globus rekonstruiert und zusätzlich in eine Mercator-Projektion übertragen.

In einem gemeinsamen Projekt mit Dr. Andreas Bruschke und mit Unterstützung von Dr. Jonas Bruschke entstanden zudem virtuelle Rekonstruktionen sämtlicher erhaltener Schöner-Globen in Deutschland, darunter auch der in Stuttgart wiederentdeckte Globus eines Schülers von Johannes Schöner. Ziel dieser Arbeiten war es, historische Küstenlinien erstmals georeferenziert mit modernen Kartendaten zu vergleichen, um Abweichungen und Übereinstimmungen quantitativ zu erfassen.

Diese Untersuchungen sollten in einem zweiten Schritt – in Kooperation mit Prof. Manfred Buchroithner an der TU Dresden – in das Habilitationsverfahren von Dominique Görlitz zur Frühkartographie einfließen. Der Cheops-Skandal beendete dieses Forschungsvorhaben jedoch abrupt.

Dieses Bild dürfte es eigentlich nicht geben, denn die Antarktis wurde erst um 1820 durch eine russisch-deutsche Expedition entdeckt. Richtig erkundet wurde sie jedoch erst mit Hilfe der Radiotelemetrie in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Vorher wusste man nicht genau, wie die Umrisse der Antarktis exakt aussehen!

Ähnlich der Finaeus-Karte zeigt auch der Marmorglobus eine ziemlich genaue Küstenlinie ohne die Palmer Halbinsel. Entscheidend ist, dass ähnlich wie auf der Perí-Reis-Karte Dominique den Umriss um ca. 30° nach Westen drehen musste, um die Überdeckung der Küsten zu erreichen.

Die Globenrekonstruktion aus der Nikolai-Sammlung mit dem Schöner-Globusrekonstrukt. In der Vergrößerung sieht man die Ross-Bay, die erst 1841 entdeckt wurde. Besonders fallen zwei relativ große Inseln auf. Sie existierten tatsächlich. Sie sind beide formgetreu, lagegetreu, beinahe ausrichtungsgetreu und v.a. proportionsgetreu gezeichnet! Wie konnten Kartographen um 1533-1535 dies vollbringen? Woher bekamen sie die exakten Geodaten für diese sphärische Darstellungsweise?

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