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Kapitel 3

Die Suche nach Alkaloiden in kanarischen Mumien

Ein weiterer zentraler Untersuchungsstrang des Kanaren-Pyramiden-Projekts widmet sich der bioarchäologischen Analyse kanarischer Mumien. Im Fokus steht dabei die Frage, ob sich in den sterblichen Überresten der vorspanischen Bevölkerung der Kanarischen Inseln pflanzliche Alkaloide nachweisen lassen, die Hinweise auf Ernährung, medizinische Praktiken oder mögliche Fernkontakte liefern könnten.

Die Mumifizierungspraktiken der Guanchen zählen zu den bemerkenswertesten kulturellen Leistungen des präkolonialen Atlantikraums. In Technik, Sorgfalt und Dauerhaftigkeit weisen sie auffällige Parallelen zu altweltlichen Mumifizierungstraditionen auf. Trotz intensiver ethnologischer und archäologischer Forschung sind viele Aspekte dieser Praxis bis heute ungeklärt – insbesondere die Frage nach den verwendeten Substanzen, Einbalsamierungsmethoden und möglichen rituellen Kontexten.

Vor diesem Hintergrund knüpft das Projekt an frühere, kontrovers diskutierte Befunde an, bei denen in ägyptischen Mumien Nikotin- und Kokainspuren nachgewiesen worden waren. Diese Ergebnisse wurden seinerzeit mit methodischen und taphonomischen Argumenten zurückgewiesen, vor allem mit dem Hinweis auf mögliche Kontaminationen. Dennoch blieb die grundsätzliche Frage bestehen, ob biochemische Marker in Mumien als Indikatoren für pflanzliche Nutzung oder Handelskontakte dienen können. Dank der Unterstützung der beiden kanarischen Archäologinnen Prof. Carmen del Arco und Mercedes del Arco erhielt Dominique die Sondergenehmigung zur Beprobung ausgewählter Mumien im Museum für Natur und Geschichte in Santa Cruz de Teneriffa.

Im Rahmen dieses Projekts wurden im Juni 2025 gezielt minimal-invasive Proben aus sieben kanarischen Mumien untersucht. Ziel ist es, Alkaloide wie Nikotin, Solanin oder andere stickstoffhaltige Pflanzenstoffe zu identifizieren, die entweder aus lokal verfügbaren Pflanzen stammen oder auf den Einsatz nicht endemischer Arten hindeuten könnten. Die Analysen erfolgen unter strengen Laborbedingungen in A Coruña, mit mehrfacher Kontrolle und unter Einbeziehung moderner Referenzdaten.

Besondere Bedeutung kommt dabei der kontextuellen Einordnung zu. Ein positiver Nachweis allein wäre noch kein Beleg für transozeanische Kontakte. Erst im Zusammenspiel mit archäologischen, botanischen und kulturellen Befunden – etwa der Verfügbarkeit entsprechender Pflanzen, der Mumifizierungstechnik oder paralleler Datierungen – lassen sich belastbare Schlussfolgerungen ziehen.

Sollten sich jedoch reproduzierbare Alkaloidspuren nachweisen lassen, die nicht mit der bekannten Flora der Kanaren erklärbar sind, hätte dies weitreichende Konsequenzen. Es würde die Diskussion um die Isolation der Guanchen neu eröffnen und die Möglichkeit kultureller oder wirtschaftlicher Verbindungen über den atlantischen Raum hinweg zumindest denkbar machen.

Die Untersuchung der Alkaloide in kanarischen Mumien versteht sich daher nicht als Beweisführung im Sinne vorgefertigter Thesen, sondern als ergebnisoffene Suche nach biochemischen Signaturen, die das kulturelle und medizinische Wissen der frühen Inselbewohner besser verständlich machen. In Kombination mit den naturwissenschaftlichen Datierungen und den architektonischen Analysen der Pyramidenanlagen trägt dieses Teilprojekt wesentlich dazu bei, das Bild der vorspanischen Kanaren differenzierter und empirisch fundierter zu zeichnen.

Erste Ergebnisse und ihre Einordnung

Die bisherigen Untersuchungen liefern bereits konkrete und überraschende Zwischenergebnisse, die eine deutlich präzisere Diskussion erlauben als bislang möglich.

1. Altersbestimmung der Mumien

Drei Mumienfraktionen wurden unabhängig voneinander in Deutschland und Griechenland mittels C14-Datierung untersucht. Die Ergebnisse weisen konsistent in einen Zeitraum zwischen ca. 1.000 und 1.250 n. Chr. Diese Datierungen belegen eindeutig, dass es sich um vorspanische Mumien handelt und schließen eine neuzeitliche Entstehung aus.

Besonders aufschlussreich ist dabei der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand einzelner Individuen. Vor allem die sogenannte „zusammengesetzte Mumie“ zeigt im Kopfbereich eine bemerkenswerte Konservierung von Weichgeweben, darunter Lippen, Augenlider und Ohrstrukturen. Dieser Befund spricht gegen eine ausschließlich natürliche Mumifizierung durch Trockenheit und deutet auf gezielte konservierende Maßnahmen hin.

Diese Grafik zeigt einen ersten Testlauf der Liquid-Chromatographie, bei der das Hauptalkaloid der Tomatenpflanze (Solanin) in höheren Konzentrationen nachgewiesen wurde. In den drei Diagrammen werden die Messungen von Haaren und der Haut einer Mumie sowie der wildwachsenden Tomate der Kanaren (Bild links) getestet.

Auf den Kanarischen Inseln existiert eine endemische Wildtomatenarten (Solanum vespertillo ssp. vespertillo). Sie ist ein Reliktendemit hohen Alters. Sie stammt ursprünglich aus Amerika und hat bereits vor 50 Mio. Jahren den Weg über die Antarktis und Afrika über Landbrücken bis auf den Atlantik zurückgelegt.

Dieses Bild entstand mit den Botanikern der Universität La Laguna. Görlitz durfte mit einer Sondergenehmigung die Pflanzen nach Spanien zur Untersuchung ausführen.

2. Nachweis von Phytoalkaloiden

Erste Voruntersuchungen mittels Flüssigchromatographie (LC) an Proben aus Athen und A Coruña ergaben ein unerwartet komplexes Bild. In einer einzelnen Probe – einem Schädel mit blondem Haar – ließen sich über 30 verschiedene Phytoalkaloide nachweisen. Bislang konnten zwei Substanzen eindeutig identifiziert werden:

Solanin, ein Alkaloid aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), bekannt u. a. aus Kartoffel und Tomate

Quercetine, sekundäre Pflanzenstoffe, die u. a. in Trauben und verschiedenen Rosengewächsen vorkommen

Beide Substanzen besitzen eine ausgeprägte phytotoxische Wirkung und wirken antibakteriell, antifungal und insektizid. Ihre Anwesenheit ist daher grundsätzlich geeignet, zur Konservierung organischer Gewebe beizutragen.

Das besondere Gewicht kommt dabei dem Solanin zu. Dieses Alkaloid gilt als charakteristischer Inhaltsstoff von Kartoffel und Tomate – Pflanzen, deren Ursprung in der Neuen Welt liegt. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage nach möglichen Fernkontakten oder Stoffübertragungen.

Gleichzeitig ist bekannt, dass es auf den Kanarischen Inseln endemische Wildtomatenarten gibt (Solanum vespertillo ssp. vespertillo). Dominique Görlitz erhielt hierfür eine Sondergenehmigung, entsprechende Pflanzen zu sammeln und an die Universität A Coruña zu übermitteln. Die dortigen Analysen bestätigten das Vorhandensein von Solanin auch in den Blättern dieser Wildformen. Allerdings ergeben sich aus archäologischer und kulturhistorischer Sicht mehrere Widersprüche, die gegen eine einfache Erklärung sprechen:

  1. Die Früchte der kanarischen Wildtomaten färben sich rötlich, was im Gegensatz zu den antiken Überlieferungen der „goldenen Äpfel der Hesperiden“ steht. Die Tomate stammt ursprünglich aus Mexiko. Die originäre Farbe der domestizierten Tomate ist gelb = `Goldene Äpfel´. Dieses Merkmal kann traditionell mit den Kanaren in Verbindung gebracht werden.
  2. Die Samen dieser Wildformen sind sehr klein. Demgegenüber berichtete die Archäologin Beatriz Gallego Girona (Universidad de La Laguna, Teneriffa) über Funde zahlreicher großer und kleiner Tomatensamen aus kanarischen Ausgrabungen der 1990er Jahre, die bislang nicht eindeutig botanisch zugeordnet werden konnten.

Diese Diskrepanzen lassen derzeit keine abschließende Zuordnung zu und machen deutlich, dass sowohl lokale Nutzung als auch externe Einflüsse ernsthaft geprüft werden müssen.

Fazit und Ausblick

Die Untersuchungen zu Alkaloiden in kanarischen Mumien stehen noch ganz am Anfang. Die bisherigen Analysen dienten primär der methodischen Erprobung und liefern erste belastbare Hinweise, jedoch noch keine abschließenden Antworten. Fest steht jedoch:

1. Die Mumien sind eindeutig vorspanisch und zeigen aktive Konservierungsprozesse.
2. Es wurden außergewöhnlich viele Phytoalkaloide nachgewiesen.
3. Mindestens ein identifiziertes Alkaloid (Solanin) wirft Fragen auf, die vermutlich über eine rein lokale Erklärung hinausgehen.

Die eigentliche systematische Auswertung steht noch aus. Erst durch eine größere Probenzahl, den Abgleich mit botanischen Referenzdaten, sowie die Kombination mit den OSL- und astroarchäologischen Ergebnissen wird sich klären lassen, ob es sich um lokale Praktiken, sekundäre Einträge oder Hinweise auf weiterreichende Kontakte handelt.

Der hervorragende Erhaltungszustand an den Weichgeweben des Kopfes untermauert die These von der Verwendung von Phytoalkaloiden (Lippen, Augenlider und Ohren). Aus diesem Grund sind unsere Untersuchungen so wichtig, weil wir diese zum ersten Mal auf den Kanaren nachweisen können.

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zu Kapitel 4 - Die astro-archäologische Datierung des Güímar-Kompkes