Kapitel 4
Die astro-archäologische Datierung des Güímar-Komplexes
Neben naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden und bioarchäologischen Analysen bildet die Astroarchäologie einen weiteren zentralen Pfeiler des Kanaren-Pyramiden-Projekts. Sie untersucht, inwieweit Bauwerke bewusst auf astronomische Ereignisse wie Sonnenwenden, Tagundnachtgleichen oder markante Himmelserscheinungen ausgerichtet wurden. Gerade bei Kulturen ohne Schriftüberlieferung können solche Ausrichtungen wertvolle Hinweise auf Zeitstellung, Weltbild und rituelle Praxis liefern.
Der Pyramidenkomplex von Güímar auf Teneriffa bietet hierfür außergewöhnlich günstige Voraussetzungen. Die ehemals neun Stufenpyramiden zeichnen sich durch eine klare geometrische Ordnung, wiederkehrende Bauachsen und eine auffällige topografische Einbettung aus. Wichtige Impulse erhielt die Untersuchung durch den Austausch mit dem Archäoastronomen Dr. Michael Rappenglück (1. Bild rechts oben). Rappenglück verfügt über langjährige Erfahrung in der Analyse prähistorischer Himmelsbezüge und war unter anderem an Studien zu steinzeitlichen und frühgeschichtlichen Kalenderanlagen beteiligt.
Auf Grundlage dieser Erfahrungen wurde der Güímar-Komplex nicht isoliert betrachtet, sondern in einen größeren kulturhistorischen Kontext eingeordnet. Dabei stellten Rappenglück und Görlitz zuerst fest, dass es zwischen 3.000 bis 2.800 v. Chr. mit mehreren Pyramiden sogenannte Alignements gibt. D.h. bestimmte Pyramiden zeigen auf den Aufgang ganz bestimmter Sterne oder Konstellationen, wie z.B. Pyramide 3 um Mitternacht auf den Sirius oder Pyramide 6 wenige Stunden zuvor auf den Beteigeuze im Orion.
Ein weiteres bedeutendes Ergebnis der Astroanalyse ist: Die beiden Außenwände der Zeremonialterrasse markieren im besonderen Maße die „unregelmäßige Breite“ im gesamten Verlauf der Milchstraße. Im Untersuchungszeitraum steht sie im Osten zw. 82-110° und im Westen wischen 278-298° vertikal (Meridiandurchgang). Der vertikale Verlauf der Milchstraße über das Firmament wird exakt durch die vier hintereinanderliegenden Pyramiden und der Terrasse in beiden Himmelsrichtungen memoriert. Der Effekt wirkt am besten zwischen 2.800 bis 2.900 v. Chr. Auf diesen Punkt weist wiederum auch die Pyramide Nr. 8 hin, in deren Verlängerung (in der Unterwelt) die Los Conjaros Pyramide auf der Insel La Palma liegt.
Die astroarchäologischen Datierungen stellen damit keinen isolierten Beweis dar, sondern ergänzen die übrigen Forschungsstränge um eine entscheidende Dimension: Sie zeigt, dass die Erbauer der kanarischen Pyramiden nicht nur über technische Fähigkeiten verfügten, sondern auch über ein astronomisches Verständnis von Zeit, Kosmos und Architektur – ein Befund, der das kulturelle Niveau der vorspanischen Kanaren in neuem Licht erscheinen lässt.
Einmalige Aufnahme des „Doppelten Sonnenuntergangs“ am Langpyramiden-Komplex von Güímar. Dort geht zur Sommer-Sonnenwende die Sonne durch eine Felsecke im Gebirge sprichwörtlich zwei Mal unter.
Erste Probeuntersuchungen am Stellarium zur Position der Milchstraße am Pyramiden-Komplex von Güímar. Görlitz stellte mit Hilfe von Dr. Rappenglück fest, dass die Zeremonialterrasse zwischen den Pyramiden 2 und 3 mit ihren trapezoiden Mauern exakt auf die äußeren, unregelmäßigen Ränder der Milchstraße verweist. Die Position und Ausrichtung besteht nur zwischen 3.000 – 2.800 v. Chr. Alles nur Zufall?




