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Teilprojekt III

Das Stein-Hebe-Experiment von Lennestadt

Das archäologische Experiment hat in den Altertumswissenschaften in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen – insbesondere dort, wo schriftliche Quellen fehlen oder archäologische Begleitfunde nur fragmentarisch vorliegen. Die im Rahmen des Cheops-Projekts entwickelte Hypothese von Dominique Görlitz, dass die zungenförmigen Abdrücke an den Deckenbalken der Königskammer von Transport- und Hebeblechen stammen könnten, erforderte daher eine experimentell-archäologische Überprüfung. Ziel war es, die technologische Machbarkeit dieses Ansatzes unter realistischen Bedingungen zu demonstrieren.

Ausgangspunkt der Überlegungen war ein zentrales, bis heute ungelöstes Problem der Pyramidenforschung: Wie konnten die zum Teil bis zu 80 Tonnen schweren Granitbalken der Cheops-Pyramide angehoben und in ihre endgültige Position gebracht werden?

Die hierzu vorgeschlagenen Theorien – darunter Direktrampen, Spiralrampen oder Flaschenzugsysteme – weisen jeweils erhebliche technische und logistische Schwächen auf. Einen entscheidenden Impuls erhielt Görlitz durch die Arbeiten des österreichischen Architekten Prof. Oskar M. Riedl (1981). Riedl hatte als einer der ersten die Überlieferungen Herodots ernst genommen und argumentiert, dass ein plausibles Hebesystem ausschließlich von der untersten Bauterrasse aus funktioniert haben könne. Ein späteres Anheben der Granitblöcke über den bereits errichteten Pyramidenstumpf hielt er aus physikalisch-technologischen Gründen für unmöglich.

Riedls Ansatz scheiterte jedoch an einer entscheidenden Voraussetzung: dem vermeintlichen Nichtvorhandensein von Eisen als Baumaterial im Alten Reich. Genau an diesem Punkt setzten die archäometrischen Ergebnisse des Cheops-Projekts an – und öffneten den Weg für eine experimentelle Überprüfung.

Es ist das Kardinalproblem des Pyramidenbaus wie die ungefähr 5.000 t Granit für die Auskleidung beiden „königlichen Grabkammern“ und die Entlastungskammern auf den Pyramidenstumpf gehoben wurden. Nach den Ergebnissen des Cheops-Projekt konnten sie nur von Anfang an von Schicht zu Schicht in der Mitte des Pyramidenstumpfes durch einfaches „Mitnehmen“ in die Höhe gewuchtet worden sein.

Aufbau des Experiments

Mit Unterstützung des sauerländischen Sponsors und Projektpartners Wolfgang Schmidt (Tracto-Technik / Galileo-Park Lennestadt) ließ Görlitz ein großmaßstäbliches Versuchsmodell anfertigen.  Kernstück war ein 8 Meter langer und knapp 16 Tonnen schwerer Betonblock, der in Form und Abmessung einem Granit-Deckenbalken der Cheops-Pyramide nachempfunden war.

Ergänzend wurden eiserne Hebebleche sowie Keile aus Holz und Eisen hergestellt, um unterschiedliche Materialeigenschaften vergleichen zu können. Ziel war es, das schrittweise Anheben des Blocks nach dem Prinzip des Keilhebens zu testen.

Durchführung und Ergebnisse

Bereits am ersten Versuchstag gelang es einem kleinen Team von Experimentatoren, den Betonblock mit nur zwei übereinander gesetzten Keilen um etwa 6 Zentimeter anzuheben. Diese Höhe reichte aus, um unter dem zweiten Auflager eine zusätzliche Steinplatte einzuschieben. Anschließend konnte der Hebevorgang erneut beginnen.

Am zweiten Tag, nun besser eingespielt, erreichte das Team innerhalb von nur einer Stunde eine Hubhöhe von rund 30 Zentimetern auf beiden Seiten. Eine Extrapolation dieser Werte zeigt, dass ein Trupp von sechs bis acht Personen in der Lage gewesen wäre, einen massiven Granitbalken innerhalb eines Tages um mehr als einen Meter anzuheben.

Auf diese Weise hätten die Granitbalken zunächst auf Zwischenauflager der ursprünglichen Stufenpyramide gehoben werden können. Von den Ecken aus wäre es möglich gewesen, die nächste Steinlage ins Zentrum auf den Pyramidenstumpf zu verlegen. Das Hebesystem hätte anschließend auf der nächsthöheren Ebene erneut angesetzt werden können. So hätte der Baukörper Schicht für Schicht wachsen können, bis die Granitblöcke schließlich in der vorgesehenen Endhöhe eingebaut wurden.

Nach den Berechnungen von Oskar M. Riedl hätte dieser Prozess etwa acht bis elf Jahre in Anspruch genommen – ein Zeitraum, der gut mit den überlieferten Bauphasen der Cheops-Pyramide korrespondiert.

Während dieser langen Bauzeit hätten die Granitblöcke über Jahre hinweg auf eisernen Transport- und Hebeblechen gelegen. Dies bietet eine plausible Erklärung dafür, wie sich die beim Ausschmieden entstehende Zunderschicht mechanisch in die Granitoberfläche eindrücken konnte. Der Betonblock des Lennestädter Experiments zeigte nach nur wenigen Wochen nahezu identische Abdrücke – im modernen Versuch allerdings in Form von Rostspuren (Hämatit, Fe₂O₃), da die verwendeten Bleche aus gewalztem Stahl bestanden. Im Gegensatz dazu wäre im Alten Reich Magnetit (Fe₃O₄) zu erwarten, wie er im Cheops-Projekt tatsächlich nachgewiesen wurde.

Fazit

Das Keil-Hebe-Experiment von Lennestadt konnte den von Dominique Görlitz vorgeschlagenen technologischen Ansatz mehrfach experimentell bestätigen. Besonders aufschlussreich war die Beobachtung, dass die Holzkeile aufgrund ihres plastischeren Verhaltens effizienter arbeiteten als Eisenkeile, da sie schneller Formschluss und damit eine bessere Kraftübertragung beim Einhämmern ermöglichten.

Zusammenfassend zeigt das Experiment, dass:

  • das schrittweise Anheben schwerster Steinblöcke mit einfachen technischen Mitteln möglich ist,
  • keine komplexen Maschinen erforderlich waren, sondern einfache Hebeapparate, wie Herodot überlieferte,
  • und die nachgewiesenen Eisenrückstände eine funktionale Erklärung für die Eisen-Überlieferung von Herodot erhalten.

Das gilt auch für das schon von Cornel Hill im Jahre 1832 gefundene Eisenblech aus dem südlichen Luftschacht der Cheops-Pyramide (Bild links). Es wurde erst 1989 in London archäometrisch untersucht (El Gayar & Jones). Dabei konnte festgestellt werden, dass es im altertümlichen Renn-Verfahren hergestellt wurde. Die Untersuchungsergebnisse dieser Studie sind denen von Dominique Görlitz beinahe identisch. Das wäre ein zweiter Beweis für die Nutzung von Eisen zur 4. Dynastie!

Die Mehrheit der Ägyptologen lehnt die Befunde von Görlitz, Riedl sowie El Gayar & Jones immer noch ab. Das Hauptargument ist das Fehlen von Eisenschlacken im Niltal. Diese hätten – so die Ägyptologen – auf jeden Fall die Zeiten überdauert. Diese Fakten erklären somit die Fehlinterpretation von Görlitz´ Cheops-Projekt. Dass „das Fehlen eines Beweises jedoch kein Beweis für das Fehlen eines Beweises ist“, stellte bereits Carl Sagan eindrucksvoll dar. Deshalb begab sich Görlitz auf die Suche nach dem Eisen der Pharaonen. Wieder wurde er bei Herodot und anderen antiken Autoren fündig! Diese Entdeckung führte schließlich zur Organisation der ABORA IV Expedition.

Das Hebe-Experiment von Lennestadt als Teil des Cheops-Projektes verbindet damit archäometrische Befunde, historische Quellen und Experimentelle Archäologie zu einem kohärenten Baukonzept – und liefert einen belastbaren Beitrag zur Lösung eines der größten Rätsel der Baugeschichte der Menschheit.

In Lennestadt untersuchten wir auch die Frage, wie viele Menschen zum Schleppen eines Blocks von 16 t unter optimalen Bedingungen notwendig sind. Mit einem Stapler mit einer Zugvorrichtung konnten wir 720 kp messen. Das entspricht der Zugkraft von ungefähr 15-20 Personen., die notwendig waren, den Block ins Rollen zu bringen.  Diese Technologie  erscheint plausibel, um die Blöcke über die „Königskammer“ (Bild links) zu bringen.

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