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DILMUN III

Erstes Kreuzen gegen den Wind

Ziel

Verbessern der Seitenschwert-Segeltechnik

Größe

Länge 6 m, Breite 2 m, Gewicht 1,5 t, Segelfläche ca. 20 m²

Material

Europäisches Schilfrohr

Segelfähigkeit

Erstmals Kurse am Wind (ca. 70° am scheinbaren Wind)

Einsatzgebiet

Ostsee an der Kieler Förde, Schilksee

Zielsetzung

DILMUN III markierte den entscheidenden Übergang von der kontrollierten Binnenwasser-Erprobung zur offenen Seefahrt. Nach den erfolgreichen Fahrversuchen mit Seitenschwertern auf dem Wangenheimer Stausee bestand das Ziel nun darin, die neu gewonnenen Erkenntnisse unter realen maritimen Bedingungen zu überprüfen.

Im Mittelpunkt stand erstmals die zentrale Frage, ob ein Schilfboot mit einfachen, archäologisch belegten Steuerhilfen nicht nur Halbwindkurse, sondern auch ein aktives Kreuzen gegen den Wind bewältigen kann. Damit sollte eine der grundlegendsten Annahmen der Schiffsarchäologie überprüft werden: die These, dass vorgeschichtliche Schilfboote ausschließlich auf Vorwind- oder Driftfahrten beschränkt gewesen seien.

Das Experiment wurde erstmals von SAT1 dokumentiert.

Vorbereitung und Weiterentwicklung

Als Grundlage diente das noch gut erhaltene Boot von DILMUN II, das zunächst konserviert und anschließend im Heimatort Hochheim von Dominique Görlitz mit einer zusätzlichen Schilflage verstärkt wurde. Ziel war es, die strukturelle Stabilität für den Einsatz auf See zu erhöhen, ohne die bewährte Rumpfform wesentlich zu verändern.

Die Seitenschwerter wurden in ihrer Position und Handhabung weiter optimiert. Insbesondere die Erfahrungen aus den Fahrversuchen am Stausee – das konsequente Stecken der Schwerter auf der Leeseite – flossen nun gezielt in die Vorbereitung ein. Mastposition, Segelprofil und Trimm wurden erstmals bewusst als zusammenhängendes System betrachtet.

DILMUN III war damit kein improvisiertes Experiment mehr, sondern das Ergebnis eines lernenden Entwicklungsprozesses.

Erprobung auf der Ostsee

Die Gelegenheit zur ersten großen Bewährungsprobe bot sich im Jahr 1994, als Dominique Görlitz und seine Crew zur 100. Kieler Woche eingeladen wurden. Der Olympiahafen Schilksee wurde zum Ausgangspunkt für die ersten Hochseeversuche eines DILMUN-Schilfbootes.

Die Ostsee stellte das Experiment vor völlig neue Herausforderungen: wechselnde Windrichtungen, kabbelige See, starke Strömungen und reger Schiffsverkehr. Doch gerade unter diesen Bedingungen zeigte sich das Potenzial der neuen Konstruktion.

Erstmals gelang es, das Schilfboot kontrolliert gegen den Wind zu kreuzen. Durch wiederholtes Wenden und gezieltes Setzen der Seitenschwerter konnte DILMUN III Höhe gewinnen – ein Manöver, das bis dahin mit Schilfbooten als praktisch unmöglich galt. Besonders eindrucksvoll war, dass bei Starkwind (Windstärke 7) die Wasserschutzpolizei die Experimentatoren auf Fahrt in Richtung Strande stoppten und zurück nach Schilksee schickten. Auf der Rückfahrt passierten sie eine Fähre auf der im Heck eine Fahne die Windrichtung anzeigte. Ein Feuerwehrmann aus Frankfurt/a.M. filmte die Seebegegnung. Auf dem H8-Band konnte Görlitz nach der Kieler Woche erkennen, wie erstaunlich hoch am Wind die DILMUN III zurück nach Schilksee manövrierte. Die Messungen an der Seekarte ergaben später einen Kurs um 70° am scheinbaren Wind.

Ergebnisse und Erkenntnisse

Dieses Ergebnis hätte sich Görlitz am Beginn seiner DILMUN-Arbeiten nicht vorstellen können. Nach dem Lesen der Heyerdahl Bücher und den Vorexperimenten mit DILMUN I & II waren Halbwindkurse das geglaubte Optimum, was besegelte Schilfboote im Stande waren. Die DILMUN III hatte erstmals gezeigt, dass das Paradigma der Archäologen nicht stimmte, dass jungsteinzeitliche Kolonisten nur im angeblichen Schutz Küste von Anlegestelle zu Anlegestelle auf Vorwindkursen manövrierten.

DILMUN III lieferte einen experimentellen Durchbruch. Erstmals konnte unter realen Seebedingungen gezeigt werden, dass:

  • Schilfboote aktiv Höhe am Wind gewinnen können,
  • einfache Seitenschwerter ausreichen, um Kreuzen zu ermöglichen,
  • und die Kombination aus Rumpfform, Segeltrimm und Lateralflächen ein vollwertiges Segelsystem bildet.

Damit wurde ein zentrales Argument gegen frühe Hochseeseefahrt mit organischen Booten empirisch widerlegt. DILMUN III zeigte, dass prähistorische Seefahrer – bei entsprechendem Wissen – nicht dem Wind ausgeliefert, sondern in der Lage gewesen sein könnten, gezielt zu navigieren.

Überragende Bedeutung der DILMUN III

Die Videoaufnahmen von DILMUN III sandte Görlitz wie schon bei der 1 & 2 nach Oslo ans KON TIKI Museum. Ihn motivierte die Hoffnung auf Antwort, die bislang immer ausblieb. Bei den Aufnahmen von Kiel sollte es nun anders kommen. Keine fünf Wochen später meldete sich niemand anderes als Thor Heyerdahl mit einer Einladung nach Teneriffa. Das erste Treffen fand nach einem ersten Fehlversuch im November 1994 schließlich im Frühjahr 1995 in Güímar Teneriffa statt. Thor Heyerdahl und seine Frau Jacqueline Beer nahmen sich einen ganzen Tag Zeit, Conny und Dominique im Pyramidenpark Güímar und auf ihrer Finca Mora zu begrüßen. In mehrstündigen Gesprächen lehrte Dominique und nicht Thor sein großes Vorbild, wie man ein vorzeitliches Schilfboot gegen den Wind navigierte.

Das war die Geburtsstunde des ABORA-Projekts.

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zwischen DILMUN III und ABORA I: Das Einbaum-Projekt